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Mittwoch, März 02, 2005

Jan-Heiner Tück bespricht in der NZZ das neue Buch des Papstes. Anders als viele, die sich in den letzten Wochen dazu geäußert haben, hat er es offenbar gelesen. Die Kritik hatte sich an einer Passage entzündet, in der der Autor
«die legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen [anspricht]. Und diesmal handelt es sich um eine Vernichtung, die sogar von demokratisch gewählten Parlamenten beschlossen ist, in denen man sich auf den zivilen Fortschritt der Gesellschaft und der gesamten Menschheit beruft.»
Dazu findet Tück klare Worte:
"Der zitierte Passus stellt - um es deutlich zu sagen - den Holocaust und die Abtreibung nicht auf eine Stufe, wie in manchen kritischen Äusserungen der letzten Tage behauptet wurde. Der Kontext der inkriminierten Stelle zeigt vielmehr, dass es um verschiedene Manifestationen des Bösen in der Geschichte und um eine Kultur der Wachsamkeit geht, die sich aus der Erinnerung an das Unrecht speist. Nichts läge Karol Wojtyla, der sich mehr als alle seine Vorgänger für ein neues Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum eingesetzt hat, ferner, als die Singularität von Auschwitz zu relativieren. Aber die Lektion, die er aus der Geschichte zieht, ist die, dass das Eingedenken der Katastrophen des 20. Jahrhunderts für die moralische Beurteilung der Gegenwart nicht folgenlos bleiben darf."
Vor allem, so jedenfalls Tück, ist das Buch jedoch "alles andere als ein moralisches Manifest mit kulturpessimistischem Einschlag". Im Gegenteil sei es von einem Optimismus getragen, der sich aus der Auferstehung des Gekreuzigten speise. Das Böse ist für den Papst (und für die ganze Kirche, möchte man hinzufügen) damit bereits besiegt. Die Rezension schließt mit diesem Fazit:
"Die offensive Erinnerung an Gott ist für eine Öffentlichkeit, die ein zunehmend gebrochenes Verhältnis zum christlichen Erbe unterhält, eine Provokation. Der Papst nimmt sie in Kauf, wenn er den Namen Gottes als letzten Garanten für die Würde des Menschen in Anschlag bringt. In diesem Namen liegt zugleich eine Verheissung für die Opfer der Geschichte, die nur dann dem Vergessen entrinnen, wenn ihre Namen in die memoria Dei eingeschrieben sind. Auch die offen gebliebenen Fragen der Gerechtigkeit werden im Jüngsten Gericht eine Antwort finden. Das Gottesgedächtnis wachhalten heisst, die menschliche Endlichkeit und Schuldfähigkeit ebenso anzuerkennen wie aufkeimende Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen. Eine Kultur, in deren öffentlicher Selbstverständigung das Gottesthema nicht mehr vorkäme, würde den Menschen verkürzen."
Johannes Paul II.: Erinnerung und Identität. Gespräche an der Schwelle zwischen den Jahrtausenden. Weltbild-Verlag, Augsburg 2005. 224 S., 14,90 EUR.

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